Vor ein paar Jahren: Ich betrete zu später Stunde meine Stammkneipe, drücke zur Begrüßung die Wirtin an meine Brust, die ungefähr genau bis eben dorthin reicht, winke dem Lieblingskellner zu, der irgendwo weiter hinten im Raum mit selektiver Unfreundlichkeit neue Gäste verschreckt und begrüße dann das sonstige Humaninventar, das in der üblichen Ecke sitzt. Fünf Minuten später stellt Hase, der Kellner, mit der Stammgästen vorbehaltenen Herzlichkeit mein Standardgetränk auf den Tisch, zieht mich in seine Arme, tätschelt meinen Hintern und begutachtet aufmerksam über meine Schulter hinweg meinen männlichen Begleiter. Als ich meine damalige Affäre O. mitbringe, fällt der Kommentar außerordentlich positiv aus. Etwa zwei Stunden später werden die beiden knutschend in einem Hinterzimmer verschwinden. Ich grinse und fühle mich absurderweise so, als hätte die Queen mich zum Ritter geschlagen.
Freitag: Der Boden der Halle ist mit weißen und roten Rosenblättern bedeckt. In der Mitte liegt ein großes Herz aus roten Rosen und eines aus weißen Rosen. Überall stehen Kerzen, in hohen Leuchtern und in flachen Schalen. Man würde so gern glauben, daß gleich ein Hochzeitspaar einzieht und die Anspannung vertreibt. Links steht eine Staffelei mit einem Foto von Hase darauf. Im Hintergrund läuft entspannte Sommermusik, irgend etwas Spanisches. Den verfrorenen Gästen sieht man an, daß der Sommer noch weit entfernt ist und sie geraume Zeit draußen warten mußten. Die Gästeliste ist lang und ziemlich abwechslungsreich. Vom Cocktailbarkönig über harte Lederjungs im Mafiosolook bis hin zu einzelnen Damen, die früher vermutlich mal Klaus hießen, ist alles vertreten.
Man nimmt schweigend auf den langen Bänken Platz. Dort liegen Zettel aus, die darüber informieren, daß dies hier eine rein musikalische Zeremonie werden wird. Jeder soll sich seinen Gedanken hingeben, während Hases Lieblings-CD läuft. Ich bin irritiert. Sowohl die Protestantin als auch die Freundin in mir muckt auf. Gut, wer sich keiner Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlt, braucht natürlich auch keinen Pastor in Anspruch zu nehmen. Aber sollte nicht irgend jemand etwas sagen, zumindest den Versuch unternehmen, einen Abschluß zu finden? Wenigstens zwei oder drei Sätze von engen Freunden? Alle blicken stumm nach vorn und ballen die Fäuste um feuchte Taschentücher.
Nach vorn bedeutet auf den weißen Sarg, der auf einem mit rotem Samt bedeckten Podest steht. An der Seite liegt scheinbar lässig dahingeworfen noch ein langer, weißer Schal aus glänzendem Taft. Auch der Sarg selbst ist mit Kerzen und Rosenblättern bedeckt. Irgendwann steht Hases Lebensgefährte auf, küßt den Sarg und sagt mit gebrochener Stimme: „Ich werde dich immer lieben.“ Seine schmalen Schultern beben und selbst die Mafiosi heulen jetzt. Er geht von Freunden begleitet nach draußen. Dann treten nach und nach die anderen Gäste an den Sarg, verharren kurz und folgen dem Lebensgefährten in den unverschämt sonnigen Winternachmittag. Mein letzter Blick fällt auf unseren Strauß mit der Schleife: „Wir werden dich vermissen, Hase.“ Vielleicht gibt es in diesem Moment wirklich nicht mehr zu sagen.
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