Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2006-03-07 - 16:49 - Linke Gasse, Kreissparkasse

Im Rahmen der eher zufällig entstandenen Serie „Lyssa testet Nischensportarten“ wenden wir uns nach Langlaufen und Eislaufen allmählich saisonunabhängigeren Sportarten zu. Wobei Endorphinjunkies Bowling vermutlich nicht unbedingt als Sportart bezeichnen würden. Selbst ich als eigentlich unsportlicher Mensch hätte Bowling eher in die Kategorie „skurrile Freizeitaktivitäten“ einsortiert. Für mich war das immer eine neumodische Variante vom guten alten Kegeln, bei der man statt auf Kegelschwestern aus Gelsenkirchen-Buer oder Betriebssportgruppen eher auf betrunkene Junggesellenabschiedsteilnehmer treffen konnte. Aber der Leichtmatrose hat mich mit hochrotem Kopf und erhobenem Zeigefinger wortreich korrigiert.

Der Leichtmatrose hält Bowling nämlich nicht nur für einen ernstzunehmenden Sport, wofür er u.a. mitternächtliche Übertragungen von internationalen Turnieren auf DSF anführen kann, sondern er betreibt ihn auch mit der nötigen Ernsthaftigkeit. Der Leichtmatrose ist nämlich Liga-Spieler. Er zieht Sonntags morgens zu sehr früher Stunde eine knackig enge Hose und ein absurd grelles Polohemd mit Teamlogo an und verschwindet für den Rest des Tages in einer meist schlecht belüfteten Halle, um gemeinsam mit Herren jeder Altersklasse und vor allem jeden Körperumfangs schwere Bälle auf weit entfernt stehende Pins zu werfen, wobei sich das Punktesystem Nicht-Mathematikern wie mir erst nach geduldigen Erklärungen erschließt. Zur Strafe für meinen Spott mußte ich natürlich gleich mit auf die Bowlingbahn. Erst zu einem Liga-Start, dann zum Selbstausprobieren, wofür mir diverse erheiterte Umstehende sehr dankbar waren.

Bei den Damen und Herren von der Sportlerfraktion (die Damen tragen statt der Hosen meist verboten kurze Röcke) sieht das alles ganz einfach, häufig sogar fast schon elegant aus. Der quietschbunte Ball wird locker aus dem Handgelenk auf die Bahn gegeben, scheint am Ziel vorbei auf die Rinne zuzulaufen, macht dann kurz vor Erreichen der Pins eine beeindruckende Kurve und wirft im Idealfall alle zehn mit lautem Getöse um. Das heißt dann Strike, wird aus unerfindlichen Gründen aber Streik ausgesprochen und mit ganz eigenen Ritualen gefeiert. Ein bißchen so, als hätte man gern Cheerleader mit kurzen Röckchen und Puscheln, bekommt sie aber nicht, weil die eigenen Frauen derweil auf der Nachbarbahn spielen und sich fremde Frauen so selten zu den Turnieren verirren. Dann müssen die Herren eben selbst ran. Zuerst wird natürlich wie verrückt geklatscht, besonders Wagemutige wackeln auch mit dem Hintern. Dann ruft man lautstark Dinge wie „Teamname uh, schabadabadu“ oder „Linke Gasse, Kreissparkasse“ (don’t ask).

Ich habe auch zwei Streiks geworfen, gleich zu Beginn. Da glaubte der Leichtmatrose kurz, er hätte ein neues Talent entdeckt und ein rührendes Strahlen erhellte sein Gesicht. Aber ich konnte ihn durch konsequentes Indierinnewerfen schnell vom Gegenteil überzeugen. Korrekterweise müßte ich auch eher sagen, ich habe zwei Streiks gerollt. Denn während der Leichtmatrose und seine Mannschaftskollegen die Bälle donnernd mit etwa 30 kmh auf die Reise schicken, kullerte meiner gemächlich mit knapp 12 kmh Richtung Pins, drohte unterwegs kurz mal eine Verschnaufpause einzulegen und erreichte schließlich mit letzter Kraft sein Ziel. Daß dabei überhaupt etwas umfiel, außer den lachenden Zuschauern, muß als Wunder gewertet werden.

Vermutlich könnte ich dem Ball etwas mehr Schwung verleihen, wenn ich nicht von dieser unsinnigen Angst besessen wäre, meine Finger könnten in den Löchern stecken bleiben und beim Werfen einfach vorne abbrechen. So aber hole ich ordentlich Schwung, bremse kurz vorm Loslassen wieder ab, ziehe vorsichtig meine Finger aus den Löchern und lasse den Ball auf die Bahn plumpsen. Er kullert, ich gehe zu meinem Platz, er kullert weiter, ich trinke mein Wasser aus, er kullert immer langsamer, ich bestelle ein neues Wasser, er fällt kurz vor dem Ziel in die Rinne und ungefähr zeitgleich schlägt der Kopf des Leichtmatrosen auf der Tischkante auf.

Ich glaube, ich sollte vielleicht doch noch weitere Sportarten testen.

33 Zwischenrufe | 0 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht