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Blogtalk Reloaded

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2006-03-10 - 14:03 - Schlaflos in Wattenscheid

Während der Hund von wilden Jagden träumt, quietscht und bellt und wild mit den Füßen zuckt und die Hatz irgendwann mit einem tiefen Seufzer abschließt, wälze ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere. Die riesige Kastanie vor dem Haus klopft bei jedem Windstoß an mein Fenster und mein Hirn möchte unbedingt heute nacht noch ein paar essentielle Fragen klären:

1:45 Uhr: Warum wird seit Jahren heftig an einem Werbeverbot für Tabakwaren geschraubt, wenn gleichzeitig Banken nach Herzenslust Sofortkredite für Jedermann anpreisen dürfen? „Mit easyCredit können Sie Ihre Wünsche risikofrei erfüllen.“ Risikofrei, genau, und von Selbstbefriedigung bekommt man Rückenmarkschwund. 3,13 Millionen Haushalte gelten laut „Schuldenreport 2006“ als überschuldet und eine weitere halbe Million als akut überschuldungsgefährdet. Die Zahl der zahlungsunfähigen Privathaushalte hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Die sogenannte relative Armut macht natürlich nicht so plakativ krank wie Rauchen. Man kann keine Gruselbilder von schwarzen Lungenflügeln oder Raucherbeinen präsentieren, aber die Folgen von Armut sind doch nicht weniger gravierend, vor allem für Kinder. Gesunde Ernährung fällt dem Geldmangel zum Opfer, Arztbesuche werden aufgeschoben (Praxisgebühr, Rezeptgebühr) und die ständige Grübelei macht depressiv. Und trotzdem werben die Banken täglich auf allen Kanälen mit Geldbädern, Traumreisen und neuen Küchen, allen voran die Citibank. Zielgruppe sind natürlich diejenigen, bei denen das Geld knapp ist, Ausgabendisziplin als Fremdwort gilt und niemand besonderer Erfahrung in Finanzangelegenheiten verdächtigt wird. Aber vielleicht steckt insgeheim auch ein schlaues Konzept dahinter, denn wer erst richtig pleite ist, hat auch kein Geld mehr für Zigaretten und wird zumindest nicht an Lungenkrebs sterben.


Um 2:23 habe ich richtig schlechte Laune und stehe auf, um mich im Internet abzulenken. Leider wirft das sofort die nächste Frage auf: Fragen Vereine ihre Mitglieder eigentlich, bevor sie Ergebnislisten von Wettkämpfen im Internet veröffentlichen? Mir fällt in letzter Zeit immer häufiger auf, daß man bei vielen Suchanfragen nach alten Bekannten nur noch auf Wettkampfresultate stößt. Man erfährt nicht, daß XY grad zum Abteilungsleiter befördert wurde oder das dritte Kind bekommen hat, sondern nur, daß er beim letzten Rennen seines Rudervereins einen heldenhaften letzten Platz belegen konnte und erst ins Ziel kam, als die ersten schon am Buffet standen. Ein anderer Verein teilt sogar erfreut mit, wer von seinen Mitgliedern am alljährlich ausgerichteten Heiratsmarkt teilgenommen hat. Der Schwarm der Schule aus dieser Geschichte war auch dabei. Amüsiert krieche ich wieder unter meine Decke. Der Hund schnarcht.


3: 40: Ich sollte dringend schlafen, weil ich morgen früh wegen einer Impfung zum Hausarzt muß. Warum können eigentlich fast alle Ärzte ihre Praxis so organisieren, daß man nie mehr als zwei oder drei Geschichten in der bereitgelegten Bunten schafft, bevor man aufgerufen wird, nur bei Hausärzten sitzt man nach fünf Heften voller Herzschmerz und Promischeidungsdramen immer noch im Wartezimmer? Und zwar nicht allein, sondern vorzugsweise zwischen schniefenden und röchelnden Grippepatienten, die alle fünf Minuten ein Taschentuch mit Auswurf entsorgen müssen, während die nette alte Oma gegenüber ihr offenes Bein rumzeigt. Ich beschließe, den Arzttermin abzusagen und statt dessen den Leichtmatrosen mit der Impfung zu beauftragen, der hat das schließlich mal studiert. Das Zeug dafür liegt eh bei mir im Kühlschrank, ich wollte mich nur nicht in die Hände meiner Mutter begeben. Die behauptet zwar, mein Hintern sei so üppig, da könne man gar nichts kaputt machen, aber sie war es auch, die mit Gewalt eine Videokassette in den neuen DVD-Spieler gesteckt hat. Vorher dachte ich auch immer, da könne man gar nichts kaputt machen.


Um 4:45 leidet der Hund deutlich hörbar an Luftnot, weigert sich aber trotzdem, den warmen Platz unter der dicken Decke zu verlassen. Erst kurz vor der Bewußtlosigkeit streckt er wenigstens den Kopf ins Freie und hechelt so laut, daß an Schlafen nicht mehr zu denken ist. Warum nehmen potentielle Hundesitter meine Geschichten über das Monster eigentlich nie ernst? Ich erzähle wieder und wieder von der Gier meines Hundes und von der Skrupellosigkeit, mit der er bei der Nahrungsbeschaffung zu Werke geht. Die Hundesitter nicken und schenken mir dieses Lächeln, das sie sonst für Babys aufheben, dann sagen sie „oh wie süüüüß“, tätscheln meinem scheinbar harmlosen Hund den Kopf und drehen ihm bei erstbester Gelegenheit den Rücken zu. Die Bilanz der letzten Woche: ein Leberwurstbrot, ein halbes Blech frischgebackener Kekse, ein Topf Grünkohl mit diversen Scheiben Kassler und als Höhepunkt ein halber Apfelkuchen, den er von der einen Seite des Tisches vorsichtig von schräg unten angefressen hat, während meine Mutter ihm gegenüber mit der Zeitung vor der Nase saß.


Und morgen nacht mache ich mir dann Gedanken darüber, was ich am Sonntag zu der Talkrunde um 11 Uhr im WDR anziehen werde.

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