Die deutschen Medien sind derzeit noch mehr auf tote Vögel fixiert als mein Hund. Ist ja auch sehr bequem, man schickt fix einen freien Kameramann in eine verschneite Vogelgripperegion, läßt das steifgefrorene Ding von allen Seiten filmen, so daß man die Bilder möglichst häufig wiederverwenden kann, schließlich wird alle paar Tage irgendwo ein neuer toter Vogel und mit etwas Glück sogar noch eine tote Katze gefunden. Dazu kommen dann dramatische Aufnahmen von der Bundeswehr im Einsatz und Veterinären mit Mundschutz. Zum Schluß blendet man eine Deutschlandkarte mit ein paar roten Flecken ein und reicht die Bilder der verschneiten Region zwecks Zweitverwertung an die Jungs vom Wetter weiter. Sensationell kostengünstiger Prime-Time-Grusel mit Quotengarantie.
Leider erfährt man später nie, was eigentlich aus den ganzen Tieren wird, die sich als nicht-vergrippt herausgestellt haben, die also entweder an Nahrungsmangel oder als Vorbeugung gegen die Epidemie gestorben sind. Wahrscheinlich landen sie einfach in einer Tierkörperentsorgungsanstalt, dabei hätte ich so hübsche, verzehrunabhängige Vorschläge zur Verwertung zu bieten, denn ich bin mit toten Vögeln aufgewachsen. Natürlich nicht mit solchen, die publikumswirksam einer schrecklichen Seuche zum Opfer fielen, sondern mit jenen, denen meine Oma in guter alter Tradition den Hals umgedreht hatte.
Die Federn, die beim Rupfen der Hühner anfielen, wurden im Kindergarten oder im Rahmen der „künstlerischen Früherziehung“ (noch so ein gutgemeintes Förderprojekt, das sich in meinem Fall als völlig vergeudete Investition herausstellen sollte) zusammen mit Sand, Muscheln und Ästen zu beeindruckenden Collagen verarbeitet. Würde man darauf heute bundesweit zurückgreifen, könnte man zumindest einen kleinen Beitrag zur Senkung der Kosten für Schulmittel leisten und würde den Kindern obendrein biologisch vollständig abbaubare Unterrichtsmaterialien bieten.
Die umgedrehten Hälse eignen sich hervorragend zur Bespaßung von Kleinstkindern. Aus einer Hühner- oder besser noch einer Gänseluftröhre lassen sich nämlich 1a-Babyrasseln fertigen, garantiert ohne gefährliche Weichmacher. (Warum werde ich bloß das Gefühl nicht los, daß so was selbst im Reformhaus ein Ladenhüter bliebe? Meine entzückende Nachbarin hat ihre Freude auf jeden Fall geschickt verbergen können, als ich ihr eine selbstgemachte Hühnerhalsrassel zur Geburt ihres Sohnes überreichte.). Zu diesem Zweck wird die Luftröhre herausgeschnitten, gesäubert und anschließend mit ein paar Erbsen befüllt. Dann werden die Enden ineinander gesteckt und die Rassel ein paar Tage zum Trocknen auf die Heizung gelegt.
Die Geschwister im Grundschulalter erfreut man mit Hühnerfüßen. Man trennt sie, also die Füße, so ab, daß oben noch ein Stück der Sehne herausguckt. Wenn man dann an der Sehne zieht, schließt sich die Kralle, läßt man sie los, öffnet sie sich wieder. Man kann als Kind höchst dramatische Effekte erzielen, indem man z.B. älteren, arglos in ihre Zeitung vertieften Familienmitgliedern damit freundlich den Nacken kratzt, jüngere Geschwister durch das Haus jagt oder damit dem Familienhund Streicheleinheiten anbietet.
Hühnerkrallen können auch bequem zur gewaltfreien Konfliktlösung eingesetzt werden. Dino M., mein Sitznachbar in der zweiten Klasse, hatte die schlechte Angewohnheit, Montags morgens während der ersten Stunde mein Milchgeld zu klauen. Gelegentlich spuckte er mir auch auf mein Pausenbrot, das ich ihm dann meist angewidert überließ. Da man mich freundlich aufgefordert hatte, ihn nicht länger mit Schlägen zur Rückgabe des Geldes zu zwingen oder ihm in den Kakao zu spucken, mußte ich mir anders helfen. Irgendwann brachte ich also eine frische Hühnerkralle mit zur Schule und zwickte ihn damit in die Hand, als er die Finger in meine Tasche steckte. Dino wurde dunkelrot im Gesicht, warf die Hühnerkralle über die Köpfe der Mitschüler hinweg in die Ecke, die halbe Klasse schrie wie am Spieß, und dann breitete sich plötzlich ein kleiner See unter Dino aus. Das Milchgeld hat er nie wieder angerührt. Das Pausenbrot auch nicht.
Ich glaube, ich werde noch ein bißchen in der Erinnerung kramen, die ländliche Verwandtschaft um weitere Tips bitten und dann ein liebevoll illustriertes Buch zusammenstellen. „Spaß mit toten Tieren“ klingt nach einem echten Sachbuchbestseller.
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