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2006-03-19 - 20:48 - Baptisten mit Blasenkatheter

Noch abwechslungsreicher als der Lesedonnerstag und ein ziemlich turbulenter Freitag, in dessen Verlauf ich mir Kleidung von einer wildfremden Frau leihen mußte (dazu später mehr), gestaltete sich die Rückreise gestern. Der Plan: 5:43 in einem durchgehenden Zug von München nach Bochum mit reserviertem Sitzplatz an einem Tisch mit Steckdose sollten ungefähr fünf Stunden Arbeitszeit bedeuten. Deshalb hatte ich mich schließlich für die Bahn und gegen das Fliegen entschieden.

Die Ausführung: Schon beim Einsteigen in München kündigt der Schaffner eine Störung auf der Strecke zwischen Ulm und Stuttgart an, die eine Umleitung über die Dörfer und eine Verspätung von mindestens einer Stunde erforderlich machen würde. „Kein Problem“, denke ich naiv, „dann arbeite ich eben sechs Stunden.“ Nach extrem widersprüchlichen Ansagen wird kurz hinter Augsburg mitgeteilt, daß ein anderer umgeleiteter Zug leider irgendwo zwischen zwei Dörfern mit einem Güterzug kollidiert ist. Statt Umleitung steht jetzt Schienenersatzverkehr bis nach Geißirgendwas auf dem Programm. Dann eine unbestimmte Zeit in der Kälte auf den Regionalexpreß warten, der schließlich nach einer gemütlichen Landpartie irgendwann in Stuttgart eintreffen soll.

Neben mir sitzt ein junges Paar, das sich auf dem Weg zu einer Erbtante in Stuttgart befindet. Weil man Erbtanten nun mal nicht warten läßt, rufen sie seinen in Ulm lebenden Vater an, der sich sofort bereiterklärt, am Bahnhof ein Auto für die Weiterfahrt nach Stuttgart zu übergeben. Bei der Ankunft auf dem Ulmer Bahnhof drängen sich die gestrandeten Menschen bereits so dicht wie sonst nur 16jährige am Bühnenrand bei einem Robbie-Williams-Konzert. Und die zahllosen Individualreisenden sind längst dabei, sich zu einem Mob zu formieren. Man diskutiert nur noch, ob man zunächst die drei bereitgestellten, aber noch fest verschlossenen Busse kapern oder doch besser die Service-Point-Mitarbeiter lynchen soll, weil sie stoisch erklären, ein Unfall sei höhere Gewalt, da könne die Bahn leider keine Entschädigung bezahlen, ganz egal wie lange die Verzögerung dauert. Nein, auch Verzehrgutscheine gäbe es nicht.

Das freundliche junge Paar nickt nur, als ich sie anflehe, mich mit nach Stuttgart zu nehmen. Ich hätte mich im Zweifel auch auf den Fußboden geworfen und an ihren Beinen festgeklammert, doch dazu ist kein Platz. Erst im Auto fällt uns auf, daß wir uns nicht mal namentlich vorgestellt haben. Ankunft in Stuttgart gerade noch rechtzeitig, um den Zug nach Mannheim im Schweinsgalopp zu erreichen. Die Türen schließen sich hinter mir, ich lasse mich auf den letzten freien Platz fallen und dann – passiert gar nichts. Fünf Minuten, zehn Minuten, immer noch nichts. Ein Schaffner ist nicht in Sicht, vermutlich versteckt sich das Servicepersonal auf der Zugtoilette vor dem Volkszorn. Nach einer Viertelstunde dann die Durchsage, daß der Zug leider einen technischen Defekt hat und wir alle wieder aussteigen müssen. Würden wir auch gerne, aber der technische Defekt betrifft die Türen, die sich nun nicht mehr öffnen lassen.

Während wir auf Hilfe von außen warten, referiert der Endsiebziger auf dem Platz neben mir sehr zur Freude seiner Mitreisenden über Blasenkatheter. Er hat nämlich auch einen. Zwei Liter Urin passen in den normalen Beutel, der morgens meist ganz voll ist, etwas weniger in das Reisebehältnis, das er deshalb auch häufiger leeren muß. Die Dame gegenüber bewegt lautlos ihre Lippen, vermutlich betet sie, daß die Türen bald geöffnet werden. Mein Sitznachbar bietet einen Blick auf seinen Katheter an, angeblich eine tolle Konstruktion. Ich muß etwas zu heftig abgelehnt haben, denn er erbleicht und erläutert, daß er dazu keineswegs seinen Pipimann vorzeigen müsse, sondern der Schlauch durch ein Loch in seinem Bauch in die Blase gelangt. Ganz harmlos also.

Ich lehne trotzdem höflich ab, was er nicht verstehen kann, denn Urologie sei eines der spannendsten Fächer überhaupt. Er wäre sehr gern Urologe geworden, doch sein strenger Vater hatte ihn als Erben seiner Kanzlei ausersehen, und so mußte er Jura studieren. Sein Blick geht kurz ins Leere und für einen Moment sieht es fast so aus, als würde er anfangen zu weinen. Aber er fängt sich wieder und setzt seine urologischen Ausführungen fort. Als er die Männer um ihn herum nach etwaigen Prostataproblemen befragt, werden endlich die Türen geöffnet und die Männer flüchten als erste.

Im Zug von Mannheim nach Köln sitze ich neben einer Gruppe amerikanischer Baptisten, die leicht an ihren grünen Sweatshirts zu erkennen sind. Die Rückseite der Pullover ziert das Logo ihrer Kirchengemeinde, auf der Vorderseite ist Platz für individuelle Glaubensbekenntnisse. „Touched by the Saviour“ mit einem Handabdruck daneben etwa oder “Terrorist have killed 4000 Americans since 1990 - Abortionist have killed 4000 Americans since yesterday”. Als ich “Just say no to evolution“ lesen muß, zerre ich eilig den ipod aus der Tasche, um mit Hilfe der Kopfhörer den Qualm zu verbergen, der aus meinen Ohren quillt.

Aber es nützt nichts. Die Amerikaner können sich leider nicht mit dem Schaffner verständigen und als zwanghaft höflicher Mensch helfe ich natürlich als Übersetzer aus. Prompt tun sie das, was sie am liebsten tun, missionieren nämlich. Ich erwäge kurz, all die Themen anzuschneiden, von denen ich aus Erfahrung weiß, daß zur Abwechslung ihnen binnen weniger Minuten der Kopf rauchen wird, entscheide mich dann aber für eine Grundsatzdiskussion zum Thema Erwachsenentaufe. Sie sind ganz offensichtlich hocherfreut, in Europa nicht bloß Atheisten und Esoteriker anzutreffen und drücken mir zum Abschied das Neue Testament in die Hand. Den guten Eindruck mache ich aber sofort wieder zunichte, als ich den widerspenstigen Koffer beim Aussteigen mit reichlich Flüchen bedenke.

Auf dem letzten Teilstück (auch dieser Zug hat 20 Minuten Verspätung, aber was macht das schon) gibt es bloß noch einen Sitzplatz in der vernebeltsten Ecke des Raucherabteils. Mein neuer Sitznachbar hätte für den Schenkelüberhang eigentlich einen zweiten Platz reservieren müssen. Er ist Kettenraucher und hat Schweißränder unter den Brüsten. In dem Netz vor ihm klemmen zwei leere Bierdosen. Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich mich dieser Reise wirklich nicht mehr gewachsen fühle. Es ist spät am Nachmittag, ich bin seit neun Uhr unterwegs, habe außer einer Banane noch nichts gegessen, und der Frust tanzt mir in kleinen roten Punkten vor den Augen.

Da fallen mir die Baptisten wieder ein: „Trust in the LORD with all your heart and lean not on your own understanding; in all your ways acknowledge him, and he will make your paths straight.” (Proverbs 3:5,6) “Straight paths” klingt jetzt besonders gut. Ich zücke die Bibel und drücke sie dem Kettenraucher mit einem entrückten Lächeln in die Hand: „Auch Ihnen kann geholfen werden.“ „Bist du total bekloppt?“ fragt er irritiert. „Heute schon“, erwidere ich und ziehe die Mundwinkel noch etwas höher. Das ist offensichtlich zuviel für den armen Mann. „Nur Bescheuerte heute“, murmelt er, und ich kann ihm nicht widersprechen. „Laß mich ma durch, ich muß eh gleich raus.“ A straight path, indeed.

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