Beim Mittagessen in dem sehr hübschen Restaurant, in das Marc mich eingeladen hatte, saßen drei Männer in teuren Anzügen am Nachbartisch. Sie redeten als einzige in dem Laden sehr laut und schon die Körperhaltung, breitbeinig und –armig zurückgelehnt, verriet ihr ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Derjenige mit der breitesten Beinhaltung und der mutigsten Krawatte war leicht als Wortführer auszumachen. Ich hoffte, er würde das Monologisieren wenigstens beim Essen einstellen, wurde aber schnell eines Besseren belehrt.
Das riesige Steak, das ihm serviert wurde, animiert ihn erst recht zu ausführlichen Exkursen in die Werbewunderwelt. „Communities“, sagt er kauend, „Communities sind ssse next big sssing im Internet. Foren, Weblogs, Fangemeinschaften und dieser ganze Quatsch.“ Der Blogquatsch am Nachbartisch hört jetzt aufmerksamer zu. „Unternehmen haben Angst davor, weil das für sie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Und da komme ich dann ins Spiel. Ich nehme ihnen diese Angst.“ Er fuchtelt kurz mit seiner Gabel in der Luft herum und stößt sie dann wieder beherzt ins Fleisch. „Communities sind hochgradig beeinflußbar. Man kann sie ganz leicht manipulieren, man muß nur wissen wie.“
Seine Kollegen nicken und kauen, nicken und kauen, und spülen dann die geballte Weisheit mit Rotwein runter. Das Steak blutet leicht, als der Community-Experte daran herumsäbelt, während er immer weiterredet: „Virales Marketing ist das Geheimnis, die Wunderwaffe.“ Ich fürchte, bei mir blutet kein Steak, aber bald ein Ohr. „Man braucht zuerst einen geeigneten Virus. Etwas Witziges, etwas mit Pfiff. Nicht der 08/15-Scheiß, den ihr in den Agenturen sonst so absondert. Dann isoliert man einen geeigneten Überträger. Das muß jemand sein, dem die Community vertraut, jemand mit street credibility.“ Street credibility?
„Der Überträger wird mit dem Virus infiziert und nach und nach steckt er die ganze Comm an. Word of mouthssss und Word of e-mail und so. Bald wird der Virus auch aus der Comm herausgetragen und zack, das Produkt ist in aller Munde. Und alle haben Spaß dabei, weil sie glauben, etwas ganz Cooles entdeckt zu haben. Maximaler Erfolg bei minimalen Kosten. So geht das nämlich.“ Er kaut zufrieden, die Kollegen nicken weiter wie zwei Wackeldackel und ich bin sprachlos. Hat der grad wirklich echte Menschen gemeint, als er von „Überträger isolieren und infizieren“ faselte? Und was war zuerst da, die menschliche oder die sprachliche Verrohung?
Ich bin so irritiert, daß ich etwas später versehentlich den Hund nebst Auto am Straßenrand vergesse. Normalerweise laufe ich nämlich zum Sport und fahre mit dem Bus zurück. Heute bin ich aber ausnahmsweise mit Hund und Auto unterwegs, was mir leider längst entfallen ist, als ich das Sportstudio verlasse. Vermutlich habe ich mir heute mittag einen Virus eingefangen. Hund und Auto kommen mir nämlich erst wieder in den Sinn, als ich aus dem Bus aussteigen will und neben dem Haustür- auch meinen Autoschlüssel in der Handtasche finde. Jetzt schmollt der Hund in der Sofaecke, das Auto verliert Öl und ich habe so ein komisches Summen im Kopf.
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