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2006-04-26 - 23:35 - Händchenhalten im Frühling

Nach nur einem Frühlingstag herrscht schon wieder Manteltemperatur und der Hund muß nach draußen gezerrt werden, um wenigstens einmal um den Block zu pinkeln. Ausnahmsweise macht mir das aber nicht mal etwas aus, denn das gestrige Zwischenhoch brachte Dinge ans Tageslicht, auf die ich gut noch ein bißchen verzichten kann. Völlig überfüllte und zugemüllte Spazierwege rund um die Alster z.B., die über den Winter Hundebesitzern und Frischluftfanatikern vorbehalten bleiben.

Blondgesträhnte, perlenbehängte Trophäen, die sich von ihren Besitzern von YogaTennisManiküre abholen und dann im Cabrio zur Happy Hour (alkoholfrei, wegen der Kalorien) chauffieren lassen. Anwältinnen, die statt Hosen diese unsäglichen, aber leider grad sehr modernen Anzugshorts zum teuren Jackett tragen. Und ihre Schwestern aus den umliegenden Werbeagenturen, die sich zur Feier des Frühlings die Jeans irgendwo auf halber Unterschenkelhöhe abgeschnitten und die Enden kunstvoll zerfleddert haben, bzw. einen Designer sehr teuer für diesen überflüssigen Prozeß bezahlt haben. Leider war der Designer bei der Anprobe nicht anwesend und konnte ihnen deshalb nicht sagen, daß diese spezielle Jeans an seinen langbeinigen Models erträglich wirken mag, die Beine einer 1,64m-Durchschnittsfrau hingegen wie gestaucht aussehen läßt.

Außerdem wütet das Frühlingsfieber und läßt die Menschen sonderbare Dinge tun. Ich bin davon natürlich nicht ausgenommen, aber bei mir fällt das glücklicherweise nicht so auf, weil ich ganzjährig dazu tendiere, sonderbare Dinge zu tun. Der Leichtmatrose aber saß gestern neben mir auf dem Sofa und stierte 15 Minuten angestrengt ins Leere. Dann drehte er sich zu mir um, lächelte entzückt und sagte: „Das ist doch eine tolle Idee. Hättest du nicht auch Lust dazu?“ Ich konnte mich dazu leider nicht äußern, weil sich die Konversation rund um seine tolle Idee allein in seinem Kopf abgespielt hatte. Eine gute Gelegenheit, endlich mal wieder richtig lange spazieren zu gehen.

Ich war gerade mal zwanzig Minuten unterwegs, als ich plötzlich dachte, das Fieber hätte doch wertvolle Hirnzellen zerstört und ich würde jetzt aus heiterem Himmel halluzinieren. Auf einem gemauerten Balkon im Hochparterre standen vier junge Männer mit nacktem Oberkörper. Nicht irgendwelche jungen Männern, sondern optisch perfekte junge Männer. Hochglanzmagazinmänner. MensHealthNeidobjekte. Ideal ausgeprägte Muskulatur, verdächtig glänzende Oberkörper, kunstvoll verwuscheltes Haar, leichte Sommerbräune. Die konnten unmöglich echt sein. Die Frage war nur: Bin ich tot oder habe ich bloß Visionen? Weder noch. Während ich noch mit offenem Mund starrte, trat ein Fotograf zu ihnen auf den Balkon und schob sie wie Schachfiguren herum. Richtig echte Hochglanzmagazinmänner also.

Viel Zeit zum Bewundern blieb nicht, denn der Hund wollte nicht ständig denselben Gartenzaun markieren und zerrte an der Leine. Ein paar Minuten später begegneten wir einer sehr alten Dame mit hochrotem Kopf, die ziemlich langsam ging, dabei aber resolut ihre Arme schwang. Die Enkelin habe ihr zum Walking geraten, erzählte sie sofort, und heute sei ihr erster Versuch. Ich hatte aufgrund der leuchtenden Gesichtsfarbe Sorge, es könnte auch ihr letzter sein. Sie sagte in Richtung Hund: „Ach, du bist aber ein ganz Süßer, ein gaaaaanz Süßer“, beugte sich nach vorne, um den vermeintlich Süßen zu streicheln und fiel einfach um.

Sie machte keinen Mucks mehr, reagierte weder auf Ansprache noch auf Rütteln oder freundliches Ohrenlecken seitens des Hundes. Sie wachte erst wieder auf, als ich schon einen Krankenwagen bestellt hatte und wir warteten gemeinsam händchenhaltend auf die Sanitäter. Da hat das Universum leider was falsch verstanden, als ich ein paar Minuten zuvor von Berührungen in der Horizontalen phantasierte.

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