Dank einer sehr abwechslungsreichen und ziemlich ausufernden Party am Vorabend überfiel den Leichtmatrosen am Sonntag die Fleischeslust. Ein Steak sollte her und zwar pronto. Ich wollte eigentlich nur auf dem Sofa liegen und gelegentlich zufrieden seufzen, zeigte mich aber solidarisch und stimmte einem Steakhausbesuch zu. Offensichtlich hatte halb Hamburg die Nacht auf kräftezehrenden Parties verbracht und war jetzt auf der Suche nach Proteinnachschub. Es gab noch genau einen winzigen freien Tisch in dem nächstgelegenen Laden.
Am Nachbartisch saß ein Paar mittleren Alters. Seine etwas zu langen, sorgsam grau gesträhnten und zurückgegelten Haare ließen gewisse Lebemann-Ambitionen erkennen, ihr Auftritt als wandelnde Markenwerbemaus paßte wunderbar zu seiner demonstrativen Lässigkeit. Schlechten Geschmack bewiesen sie aber vor allem in der Wahl ihres vierbeinigen Begleiters. „Hund“ wäre an dieser Stelle nicht das richtige Wort, denn das arme Tier war winzig, trug Glitzerhalsband und Schleifchen und wurde in einer Louis-Vuitton-Tasche mit Sichtfenster getragen. Natürlich nur solange bis Frauchen Platz genommen hatte, dann durfte der Hundeverschnitt auf den Schoß. Tinkerbell läßt grüßen.
Sie hatte selbstverständlich nur einen kleinen Salat bestellt, er dafür ein extra großes Steak. Kaum war das Essen serviert, schnitt er jedoch ein Stück seines Steaks ab und reichte es ihr auf einer Untertasse. Sie zerteilte das Stück in mehrere kleine Stücke und steckte sich das erste in den Mund. Ich schalt mich innerlich, weil ich sie offensichtlich vorschnell als reine Salatesserin abgetan hatte. Dann aber nahm sie das zerkaute Fleisch wenig dezent wieder aus dem Mund und reichte es weiter an das Schleifenhündchen, um gleich darauf das Prozedere mit dem nächsten Stück zu wiederholen.
Es wird lange dauern, bis ich wieder mit Genuß Steak essen oder mich öffentlich zur Hundehaltung bekennen kann.
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