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2006-05-08 - 23:46 - Zähneknirschen im La Sepia

Vielen, vielen Dank an Mek und MC, die Veranstalter der Frühlingslesung. Vielen Dank auch an den Moderator, die vielen Mitleser, die zahlreichen Besucher, vor allem jene, die tapfer bis zum Ende ausgeharrt und dabei bewiesen haben, daß man zur Not auch ohne Sauerstoff überleben kann. Ein großes Dankeschön auch an die Wirtin im Fools Garden, den Asiamann nebenan und an das ausnahmsweise vorbildliche Hamburger Wetter.

Update: Daniel vom Sprottenblog ist mein persönlicher Held der Woche, mindestens. Er hat nicht nur den ganzen Abend über für perfekte Tontechnik gesorgt, sondern auch noch einen kurzen Film von der Lesung gebastelt.

Definitiv keinen Dank verdient hat das La Sepia (Schulterblatt 36), in dem wir nach der Lesung landeten, um nicht vor Hunger umfallen zu müssen. Das La Sepia war der einzige Laden, der nicht völlig überfüllt war, und schon das hätte uns mißtrauisch machen müssen. Aber im Hungerdelirium freut man sich über freie Platzwahl und beäugt gierig die ausgestellten Fische. Es sollte allerdings noch geraume Zeit dauern, bis die Fische auf unserem Tisch landeten, denn Kellner waren überreichlich vorhanden, Kellnermotivation dafür so gut wie gar nicht zu finden. Das Personal beherrschte vor allem zwei Dinge nahezu perfekt: Gäste ignorieren und Bestellungen vergessen.

Ich war allerdings bereit, all die Unannehmlichkeiten zu ignorieren, als mir ein großer Topf dampfender Muscheln in Weißweinsauce vorgesetzt wurde. Die erste Muschel landet mit einem ordentlichen Schuß Sand in meinem Mund. Kann ja mal passieren, zum Glück eignet sich der Wein meiner Nachbarin hervorragend zum Nachspülen. Die zweite Muschel bietet ebenfalls reichlich Sand als Beilage und nach der dritten baue ich mit der Zunge eine kleine Sandburg um meinen linken unteren Weisheitszahn. Nach der vierten gebe ich genervt auf, weil ich als Kind bereits mehr als genug Nordseesand konsumiert habe und beim Reden schon wie ein kaputtes Radio knirsche und knarze.

Der Kellner sieht mich mißbilligend an, als ich die Muscheln zurückgehen lasse. Das ist im La Sepia natürlich noch nie vorgekommen, aber seine Beteuerung klingt ungefähr so überzeugend wie ein „das hat Zeus wirklich noch nie gemacht“ aus dem Mund einer Hundebesitzerin, nachdem ihr Köter mir zum dritten Mal ans Bein gepinkelt hat. Er reicht mir ein weiteres Mal die Karte und ich entscheide mich für eine Fischsuppe. Da können sie dann die sandigen Muscheln gleich weiterverarbeiten. Könnten sie, wenn denn jemand käme, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich versuche es mit dezentem Winken, mit wildem Armwedeln, bleibe aber sehr, sehr lange unter dem Radar der tratschenden Mannschaft.

Als die anderen am Tisch fertig sind mit ihrem Essen, darf ich endlich meins bestellen. Frustriert begehe ich den wohl größten Fehler des Abends: Ich bestelle einen Caipirinha dazu. Der Cocktail-Ersatz kommt zuerst und macht einen, nun ja, recht ungewöhnlichen Eindruck. In der einheitlich giftgrünen Brühe schwimmt eine einsame Limettenscheibe zwischen mehreren großen Eisklumpen. „Crushed Ice“ bedeutet hier wohl, mit einem Eispickel handliche Stücke aus der Fischtiefkühltruhe abzuschlagen. Aber weil mir meine Eltern beigebracht haben, daß man alles mal probieren muß, egal ob es sich um Mopane-Raupen oder Schweinehirne handelt, habe ich beherzt am farblich passenden Strohhalm gesogen. Aldi-Sirup mit einem Hauch Ahoi-Brause und sehr viel Alkohol landet erst in meinem Magen und wenige Minuten später an meiner Schädeldecke. Wider Erwarten muß ich nicht sofort in die Notaufnahme, weshalb der Chemie-Cocktail kurz darauf als eine Art Mutprobe die Runde macht.

Irgendwann wird auch endlich die Fischsuppe gebracht, die überraschend lecker schmeckt und dank der großzügigen Portion auch als Hauptmahlzeit durchgehen kann. Großzügig fällt etwas später aber auch die Rechnung aus. Man hat die versandeten Muscheln nämlich nicht etwa gestrichen, sondern sicherheitshalber gleich doppelt drauf gesetzt. Und es bedarf energischer Worte zur Klärung der Lage. Beim nächsten nächtlichen Nahrungsnotfall dann doch lieber Döner.

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