Die Tür zur Apotheke steht offen und der kleine Laden ist ungewöhnlich voll. Und ungewöhnlich laut. Wo sonst Verschnupften gute Besserung gewünscht wird und gichtige Hände mühsam im Portemonnaie kramen, wird heute heftig gestritten. Mittelpunkt der Diskussion scheint eine gutgekleidete Frau in den Fünfzigern mit hektischen Flecken am Hals zu sein. Beteiligt ist außerdem ein Mann, der den Arm voller Blumen hat, ein weiterer Mann, der rhythmisch „ische rufe Polizei“ einwirft und natürlich der Apotheker selbst, Herr G. Als Zuschauer haben wir zwei Mitarbeiterinnen der Apotheke, eine Kundin, die eine Familienpackung Aspirin umklammert, während sie dem Geschehen mit offenem Mund folgt und meine Wenigkeit.
Die Frau in dem elegant geblümten Kleid ist sichtlich aufgeregt. Ihre Stimme überschlägt sich, als sie in Richtung Apotheker schreit: „Ich habe ein Anrecht auf Ihre Beratung. Ein gesetzlich verbrieftes Anrecht. Wollen Sie morgen Ihre Zulassung zurückgeben, hä? Hä? Wollen Sie das? Hä?“ Die roten Flecken an ihrem Hals ähneln in Form und Farbe allmählich den Blumen auf ihrem Kleid. „Und ich habe ein Anrecht auf meine Dauermedikation, Herr G. Sofort. Oder ich verlange Ihre Zulassung und schließe den Scheißladen. Sofort. Wollen Sie das, hä? Hä?“
Der Blumenmann murmelt leise, aber gut hörbar: „Sie haben Ihre Dauermedikation offensichtlich eh schon zu lange nicht mehr genommen.“ Einwurf des dritten Mannes, begleitet von wildem Armgefuchtel: „Ische rufe Polizei.“ Herr G., sonst ein sehr ruhiger, beherrschter Mann mit einer Vorliebe für Cordhosen und Homöopathie, wird ebenfalls langsam aber sicher lauter: „Sie haben kein Recht auf nix und Sie bekommen hier auch nix. Und jetzt alle raus hier.“ Niemand bewegt sich von der Stelle und die Diskussion beginnt von vorn. „Ich habe ein Recht auf meine Dauermedikation.“ – „Ische rufe Polizei.“ – „Wollen Sie das, hä? Hä?“ – „Raus hier.“
Die Frau mit dem Aspirin rückt näher an mich heran und erläutert mir die Fronten im Flüsterton. Demnach hat die gefleckte Frau ein Taxi gerufen und ist damit durch die halbe Stadt zum Blumenladen um die Ecke gefahren. Dort hat sie dann Blumen im Wert von ungefähr 100 Euro ausgesucht, hat zum Abschied „schreiben Sie’s an“ gerufen und ist ohne Taxi oder Blumen zu bezahlen Richtung Apotheke marschiert. Vor der Apotheke wurde sie von beiden „gestellt“ und der Blumenmann hat ihr in einer Art Handgemenge die Blumen wieder abgenommen, was den leicht lädierten Zustand etlicher Blüten erklärt. Sie ist dann in die Apotheke gerauscht und hat Medikamente und Kosmetika im Wert von etwa 200 Euro auf den Tresen geknallt. Natürlich wollte sie auch die anschreiben lassen. Aber nicht mit Herrn G., was uns endlich zum Showdown bringt.
Herr G. hat nach etwa einer Stunde die Nase, wie er sagt, gestrichen voll von dem Gehampel und ruft die Polizei, was vom Taxifahrer mit einem begeisterten „ja, due rufe Polizei, endlisch“ unterstützt wird. Jetzt möchte die Frau, die sich vor zwei Minuten noch strikt weigerte, den Laden zu verlassen, ganz dringend gehen. Davon hält allerdings keiner der Anwesenden besonders viel und Herr G. droht die Tür zu verriegeln. Die Kandidatin mit dem Medikamentenentzug fühlt sich allerdings jetzt schon unrechtmäßig eingesperrt und ruft ihrerseits die Polizei, wegen Freiheitsberaubung.
Dann geht sie vor die Tür, um ein bißchen Luft zu schnappen, wie sie sagt. Die Männer bleiben in der Apotheke behalten sie aber im Auge. Deshalb können auch alle genau beobachten, wie sie draußen ihren Rock hochzieht und an die Tür pinkelt.
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