Aufenthalte bei meinen Eltern sind oft aufregender als man vermuten sollte, selbst wenn sie nur knapp 24 Stunden dauern und beruflichen Terminen geschuldet sind. Nachdem wir vor einigen Wochen einen aufgebrochenen und natürlich längst geleerten Safe in den Büschen am Rand des Gartens gefunden hatten, ist jetzt jemand auf die Idee gekommen, nicht nur bei uns abzuladen, sondern vielleicht auch mal etwas mitzunehmen. Der zum Glück vergebliche Einbruchsversuch erfolgte am hellichten Tag und natürlich während ich ganz allein im Haus war. Ein Kindheitsalbtraum wird wahr. Ich habe es gehaßt, als Kind spät abends allein in diesem riesengroßen, von der Straße nicht einsehbaren Haus zu bleiben. Und wenn es doch mal sein mußte, dann habe ich mich im Schlafzimmer meiner Eltern versteckt, weil nur das abschließbar war.
Die dunklen Flure, die Treppe nach oben, die direkt an der Glastür in den großen, finstren Garten vorbeiführte, die Äste, die gegen die Fenster schlugen, das Ächzen und Stöhnen des alten Gemäuers, das Trappeln der Mäuse in den Wänden – alles zuviel für ein eher ängstliches Kind mit übereifriger Phantasie und einem Hang zu extrem realistischen Albträumen mit Dolby-Surround-Sound. Jedes Knirschen konnte auf die Einbrecher hindeuten, die sich gerade über den Kiesweg schlichen, jedes Kratzen am Fenster von den Entführern stammen, die es auf mich abgesehen hatten (der Hinweis meiner Mutter, Entführer würden nach höchstens 30 Minuten in meiner Gesellschaft Geld zahlen, damit ich umgehend in den Schoß der Familie zurückkehren darf, hat nicht so richtig gefruchtet). Eingebrochen wurde bei uns tatsächlich mehrmals, allerdings immer nur in den Hühnerstall (nicht von Füchsen, sondern von ... keine Ahnung, Federviehfetischisten vermutlich). Bis jetzt, da hat man es auch im Haus versucht. Und ich habe nicht mal ein Knirschen oder Kratzen gehört.
Statt dessen hätte die Polizei, die sehr bedächtig die Hebelspuren an der Tür fotografierte und noch bedächtiger sprach, fast mein pünktliches Erscheinen bei einem wichtigen Termin verhindert. Also blieb mir nichts anderes übrig, als in letzter Minute ein Taxi zu rufen. Der Taxifahrer entpuppte sich als wahrer Schrank in alten Flecktarnhosen, mit sehr langen, zum Pferdeschwanz gebundenen schwarzen Haaren, Ölspuren im Gesicht und an den Händen sowie überreichlich Farbe in der Haut. Eine Art Pin-up für den Frauenknast. Er fuhr wie ein Stockcar-Profi, um mich pünktlich nach Essen zu bringen, und dabei kamen wir ins Gespräch. Er erzählte von seinen rastlosen Jahren als Autolackierer, Schmuggler, Metzger und Mitglied einer Motorradgang, die ihn u.a. nach Frankreich, Portugal, Kanada und Algerien verschlugen. Ich bedankte mich mit Geschichten vom Schlangen fangen und Schafe kastrieren in Afrika.
Treues Mitglied seines Biker-Clubs ist er heute noch, aber seine Augen glänzen deutlich mehr, wenn er von Frau und Tochter berichtet. Seit neuestem ist er engagiertes Mitglied des örtlichen Karnevalsvereins. Irgendwie ist es ja auch ganz gesellig da, obwohl die Närrinnen und Narren schon etwas anders feiern als seine Jungs. Und vielleicht wird seine Tochter sogar bald Karnevalsprinzessin. Dann will er sein Motorrad vorübergehend als Zugmaschine der königlichen Sänfte umwidmen.
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