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2006-06-05 - 23:20 - Klassenfahrt auf dem Butterschiff

Kaum ist man dank der extrem ruckeligen Netzanbindung (etwa T-Online 1996) in Kopenhagen mal ein paar Tage nicht online, verpaßt man lauter wichtige Dinge (die unwichtigen hingegen, auf die man auch gut hätte verzichten können, erreichen einen dennoch): Spreeblick, Riesenmaschine und Ehrensenf haben künftig mehr zu tun im Haushalt, denn ab sofort will auch der Grimmepreis im Regal regelmäßig abgestaubt werden. Herzlichen Glückwunsch! Und die fabelhafte Kathrin Passig darf beim Bachmannpreis in Klagenfurt wettlesen, was zugleich bedeutet, daß die WM-WG in Berlin vorübergehend in eine Literatur-WG umgewidmet werden muß.

Die reboot8.0 in Kopenhagen war übrigens eine tolle Veranstaltung – spannende Menschen, interessante Vorträge (u.a. wieder von Rockträger Ben Hammersley, den ich schon in Paris angehimmelt habe) und eine wirklich gelungene Mischung aus Idealismus und Business. Ich habe gelernt, daß ich nicht die einzige bin, deren Inbox wegen Überfüllung und Einsturzgefahr dringend geschlossen werden sollte. Ich habe viel diskutiert, u.a. mit Max N. über Feminismus, was ungefähr so ist, als würde man mit dem Papst über Sexualpraktiken philosophieren, zu viel geflirtet, wobei die Frage, was Männer unter einem Rock tragen, weiterhin ungeklärt blieb, noch viel mehr gelacht und mich überraschend zuhause gefühlt. Vielen Dank an Veranstalter und Teilnehmer.

Von Kopenhagen selbst habe ich leider nicht so viel gesehen wie erhofft, aber das was ich gesehen habe, war sehr malerisch – vor allem die Gegend um den Hafen herum. Ich wünschte allerdings, ich hätte mir den Blick auf diverse Speisekarten und in einige Boutiquen erspart. Die Speisekarten sehen zwar sehr verheißungsvoll aus, aber die Preise in dieser Stadt sind nicht eben appetitanregend, wenn das Budget gewissen Restriktionen unterliegt. Und dann die Boutiquen ... Man steht und staunt und hofft, daß niemand auf die verwegene Idee kommt, diese Modelle tatsächlich in freier Wildbahn zu tragen.

Jede Menge Spinnennetzstrümpfe unter zerrissenen Jeans, die als Ausgleich für die Fetzen am Bund mit künstlichen Perlen und Straß überladen wurden. Man könnte glatt glauben, die Kostümbildnerin der Rocky Horror Picture Show hätte die Modelle in letzter Minute noch verworfen, dann aber leider vergessen, sie zu vernichten. Doch während man sich entgeistert abwendet, kommt schon das erste, vornehm blasse Modeopfer um die Ecke. Das Spinnennetzmuster kann die lustvolle Üppigkeit der Schenkel kaum bändigen und etwas weiter oben schaukelt die Hüfte bei jedem Schritt sanft auf ihrem Perlenbett. Wer dem Netz als Bekleidung nicht traut, greift auf die altbewährten Leggings zurück – gerne auch mit Zebra- oder Leopardenmuster darauf (tatsächlich gesehen: die Beine vom Zebra, das Kleid darüber vom Tiger geklaut). Ganz normale Hosen sieht man fast nur noch an den Beinen von Touristen.

Erstaunlicherweise scheinen Männer das aber kaum zu bemerken. Im Zug zurück nach Hamburg unterhielt ich mich mit Daniela über den erschreckend breiten deutsch-dänischen Geschmacksgraben, während die beiden männlichen reboot-Teilnehmer neben uns von dem frischen, natürlichen Look der leicht gebräunten Däninnen in den Folkloreblusen schwärmten. Wir sahen es als unsere Pflicht, den schmerzhaften Desillusionierungsprozeß einzuleiten, indem wir auf einige besonders farbenfrohe Leggingsträgerinnen im Zug verwiesen.

Die Zugfahrt von Kopenhagen nach Hamburg ist übrigens dringend zu empfehlen und jedem Flug vorzuziehen. Der recht kurze Zug fährt irgendwann auf eine Fähre, wo er zwischen riesigen LKW parkt, und die Reisenden können während der nächsten 45 Minuten Seeluft schnuppern und zollfrei einkaufen. Wir schnupperten erst und kauften dann tütenweise dänische Haribo-Produkte, die schon völlig anders aussehen als deutsche, nach allerhand chemischen Zusatzstoffen riechen und extrem fremdartig-künstlich schmecken. Später breiteten wir unsere Einkäufe auf dem Tisch im Zug aus, aßen immer abwechselnd Süßes und Salziges, redeten wild durcheinander und lachten dabei so laut, daß diverse Mitreisende kopfschüttelnd das Abteil verließen. Die Klassenfahrt auf dem Butterschiff war der perfekte Abschluß für drei sehr unterhaltsame Tage im hohen Norden.

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