Es ist kurz vor Ladenschluß und ich stehe fassungslos vor einem Regal mit Kondomen. Der Produkt-Wahn zur WM dürfte jetzt endgültig seinen gruseligen Höhepunkt erreicht haben (sieht man mal von den bereits wieder aus dem Sortiment entfernten Olli-K.-Vibratoren ab): Die Firma Condomi hat tatsächlich 3er-Packs auf den Markt geworfen, die in grasgrünen Packungen mit haha-lustig zweideutigen Aufschriften stecken. Im Angebot sind die öVerlöngerungö, die öRöckrundeö, das öAuswörtsspielö und der besonders grauenhafte öFreistossö. Ich erwäge kurz, die Zimmer der männlichen Mitbewohner in der Berliner WM-WG mit Verlängerungsmaterialien auszustatten, muö dann aber feststellen, daö mir der Kauf von Kondomen zum ersten Mal in meinem ganzen Leben wirklich peinlich wäre.

Als ich in der Schlange vor der Kasse des Drogeriemarkts stehe und mir gelangweilte Mitsteher neugierig in den Einkaufskorb starren, bin ich doppelt froh, die Verlöngerung im Regal gelassen zu haben. Vor mir steht eine sehr alte Dame, die umstöndlich bunt bedruckte Servietten, Katzenfutter und Weinbrandbohnen auf das Band legt. Die Kassiererin nennt ihr die zu zahlende Summe und sie antwortet höflich: öIch hötte auöerdem gerne noch ein Pfund Hack.ö ö öHack?ö fragt die Kassiererin verwirrt. öJa, Hack. Es tut mir leid, aber ich habe heute die Fleischtheke nicht gefunden. Die war doch sonst immer dahinten in der Ecke. Da wo nu das Haar-s-pray s-teht. Wann haben Sie denn hier umgebaut?ö
öWir haben gar nicht umgebaut. Wir hatten noch nie eine Fleischtheke. Wir sind ein Drogeriemarkt. Klopapier und so, verstehen Sie?ö ö öUnsinn, Sie hatten immer diese Fleischtheke hinten in der Ecke. Fröher war die sogar noch viel grööer, aber nu haben sie auch all das andere Zeug. Man muö ja auch von irgendwas leben und von Fleisch allein geht das heut nich mehr, wo die jungen Deerns selbst kaum was essen und auch för die Mönner nich mehr an-s-töndig kochen.ö Ich schiebe mein Müsli verschömt unter das Toilettenpapier, streiche das schnelle Sandwich und setze spontan Pute auf den abendlichen Speiseplan.
Die Kassiererin zerrt die Groöpackung Klopapier vom Band und hölt sie der alten Dame unter die Nase: "Klo-pa-pier. Sonst nix. Kein Fleisch, kein Fisch, nix. Gestern nicht und auch morgen nicht. Nie.ö ö öSie können mir nichts erzöhlen, junge Frau, ich kaufe mein Fleisch seit 30 Jahren hier und jetzt möchte ich ein Pfund Hack." Die junge Frau ist schon länger keine solche mehr und in diesem Moment bekommt man das Geföhl, ihr Job könnte einen erheblichen Anteil daran gehabt haben. öAber nicht hier. Da mössen Sie wohl oder öbel kurz mal öber die Straöe in die Metzgerei gehen.ö Die Dame guckt empört: öJa warum sagen Sie denn nicht gleich, daö Sie die Löden getauscht haben und das Fleisch jetzt dröben ist? Wollten sich wohl einen Scherz mit einer alten Frau erlauben, was? Das ist wirklich höchst ungehörig. Sie sollten sich schämen.ö
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