Mein Hirn ist entweder zu klein oder aber irgendwie partiell zu groß geraten, so daß der arme Hippokampus nicht genügend Raum zur Ausdehnung oder auch nur zur Erledigung einiger Grundfunktionen zur Verfügung hat (aber müßte sich das bei Hutgröße 60 nicht inzwischen an anderer Stelle positiv bemerkbar gemacht haben?). Zumindest legt das eine amerikanische Studie nahe, über die der Spiegel heute berichtet.
Der Studie zufolge reagierten bestimmte Zellen im Hippokampus bei der Orientierungssuche der Test-Autofahrer, und bei Taxifahrern sei diese Hirnregion im Laufe vieler Dienstjahre in verwinkelten Städten sogar angewachsen, um dem Gehirn genügend Raum für das Anlegen einer inneren Karte zu verschaffen.
Mein Hippokampus, immer vorausgesetzt er kann überhaupt die erforderlichen Zellen aufweisen, scheint hingegen sofort in eine Art militante Verweigerungsstarre zu verfallen, sobald ich mich mehr als 500 Meter von meinem Wohnort entferne. Daran hat auch jahrelange regelmäßige Fahrpraxis nichts ändern können.
Ich muß eine Strecke, die mehr als zweimaliges Abbiegen erfordert, mindestens zehn Mal mit Hilfe einer Karte oder meines elektronischen Ersatz-Hirns fahren, bevor ich den Weg allein wiederfinde. Und falls ich dann dieselbe größere Straße durch Zufall mal in der anderen Richtung befahren sollte, glaubt bloß nicht, daß ich sie wiedererkennen würde. Mit mir in der Rolle des Rotkäppchens wäre das Märchen ganz anders ausgegangen, denn bis zum Haus der Großmutter wäre ich niemals gekommen. Statt dessen wäre ich wohl im Wald erfroren und hätte mir die letzten Stunden mit der Flasche Rotwein aus dem Korb versüßt.
Mein sonderbares Gehirn legt beim Autofahren oder Spazieren keine inneren Karten an, sondern speichert allenfalls bunte Momentaufnahmen meiner Umgebung ab, ohne sie jedoch in einen geographisch sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Dia-Show statt Straßenkarte. Dieses kleine Problem hat mich schon oft in die unmöglichsten Situationen gebracht und sorgt stets wieder für herablassende Erheiterung in meinem Umfeld ("wenn du nicht sofort diesen Kommentar zurücknimmst, dann setze ich dich hier aus und du wirst drei Kilometer von deiner Wohnung entfernt elendiglich verhungern müssen").
Manchmal befürchte ich, daß der Teil des Gehirns den ganzen Platz wegnimmt, der dafür zuständig ist, nachts besonders wilde Geschichten zu produzieren, in Gesprächen in Sekundenbruchteilen besonders boshafte Kommentare zu liefern oder gelegentlich mal kurzweilige Blog-Einträge zu verfassen.
Da bleibt mir nur noch die Hoffnung, daß sich die Aussage Oscar Wildes aus "Eine Frau ohne Bedeutung" bewahrheitet: "Nichts hat im modernen Leben eine solche Wirkung wie eine gute Banalität."
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