Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, aber ich fürchte, ich würde vor Müdigkeit mitten im Satz an meinem alten Kinderzimmer-Ikeaschreibtisch einschlafen (wozu hat man eigentlich Erziehungsberechtigte, wenn sie einen mit 14 nicht davon abhalten, sich das Zimmer mit schauderhaften Außenkieferfurnierinnenpreßspan Schwedenmöbeln namens „Timmermann“ vollzustellen?) und morgen früh mit einem Trackpoint in der Wange als Rouge-Ersatz wieder aufwachen. Daher nur ein kurzes Lebenszeichen und den Rest an einem der nächsten Tage, an denen ich meinen Kinderzimmerschreibtisch hoffentlich etwas eher zu Gesicht bekomme.
Ich hatte nämlich beschlossen, mich einen Tag früher als geplant aus dem Niemandsland zu verabschieden und schon heute mein neues Büro bei der WAZ in Augenschein zu nehmen. Die großartige Frau L. sagte, das sei alles kein Problem, ich müsse zwar noch ungefähr 120 Formulare unterschreiben, aber im Prinzip sei alles bereit. Ich hätte sogar einen Platz in der Tiefgarage bekommen, bloß den entsprechenden Öffner noch nicht, aber der Pförtner würde mir am ersten Morgen das Tor zur Garage öffnen.
Ich parkte also hochmotiviert mein Auto und begab mich auf die Suche nach dem Ausgang, bzw. dem Eingang ins Verlagshaus. Türen gab es in der Tiefgarage genug. Wenn man sie öffnete, stieß man auf weitere Türen, von denen etliche zu Sicherungskästen oder dunklen Kammern führten, manche auch zu Treppen. Ich fühlte mich ein bißchen wie Alice im Wunderland. Die Treppen hatten leider die schlechte Angewohnheit, in weiteren Türen zu enden, die sich ab einem gewissen Punkt, dem entscheidenden Punkt natürlich, nur noch mit Plastikkarten öffnen ließen. Und meine Plastikkarte, die alles entscheidende „Trink mich“-Flasche für Lyssenalice, wartete geduldig auf meinem Schreibtisch auf mein Erscheinen.
Also zurück zum Auto und von dort zu Fuß zum Tor. Erstaunlicherweise wiege ich trotz meines oft bejammerten Hinterteils zu wenig für das Ding, das ein Auto als Auto und eine Lyssa als zu leicht erkennt und nur bei Autos die Ausfahrt automatisch öffnet. Links neben dem Tor gab es wenigstens einen Gitterzaun, der mir neben Frischluft Hoffnung auf Rettung verschaffte, denn gegenüber konnte ich die Fenster der Poststelle erkennen. Während ich wie ein Affe im Zoo auf und ab sprang, packten die Herren seelenruhig Post von einem Behältnis in das nächste und wollten mir partout nur den Rücken zuwenden. Als mich endlich jemand entdeckte, drehten sich dafür alle gleichzeitig in meine Richtung, um ja keine weitere Sekunde des heiteren Hüpfspektakels zu verpassen. Zum Glück befreiten sie mich, kurz bevor meine Frisur mit dem kläglichen Rest meiner Würde endgültig davonzuhüpfen drohte.
(Nachtrag für Verschwörungstheoretiker: Bitte weitergehen, es gibt hier keine finsteren Machenschaften aufzudecken. Ja, ich bin mir absolut sicher, daß niemand einen Geheimplan entwickelt hat, um meinen Dienstantritt bereits in der Tiefgarage enden zu lassen.)
Schon gelesen?
2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus
2007-06-25 - Gruß aus Amman
2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen
2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex
2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht








