Eine Bahnfahrt dürfte ungefähr gleichermaßen anstrengend sein, egal ob man sie mit Kind oder Hund absolvieren muß – entweder der Halbpreisbegleiter sucht hektisch nach Ablenkung oder Mitreisende überschlagen sich vor lauter Ohissernichsüß-Begeisterung und stellen ihre drängenden Fragen nach Alter und Geschlecht auch über die demonstrativ hochgehaltene Zeitung hinweg. Am schlimmsten ist übrigens die Kombination aus Kind und Hund, weshalb mein ganzer Zorn noch heute jener Mutter gilt, die ihre Kinder auf der Hinfahrt nach Hamburg halbstundenweise zum Hundegucken in mein Abteil schickte („Ich glaube, eure Mutter ruft schon nach euch.“ – „Nöhö, die hat gesagt, wir sollen uns mal schön lange den Hund angucken, weil wir doch keinen haben zuhause.“ – „Nee, die ruft euch. Ich bin mir sicher.“ – „Ich glaube, du lügst.“)
Deshalb war ich sehr erleichtert, als der Hund sich letzten Sonntag abend in dem kleinen Abteil mit einem Seufzer zu meiner Rechten niederließ und das mir unbekannte Kind zu meiner Linken es ihm gleichtat. Beide zeigten keinerlei Interesse aneinander oder ihrer sonstigen Umgebung, sondern schliefen sofort ein. Das Kind litt allerdings an gefährlichen Verdauungsstörungen und sobald sich seine Muskulatur im Schlaf entspannte, entwichen dem Körper allerhand Giftgase (muß ich noch erwähnen, daß es den Hintern immer schön in meine Richtung hielt?). In Fünfminutentakt sonderte der kleine Körper, begleitet von einem leisen Quietschen, immer neue Gaswolken ab, bis selbst der Hund, sonst ein großer Freund von allem, was nach Tod und Verwesung riecht, es nicht länger ertragen konnte und seine Nase entschlossen in meiner Achsel verbarg.
Es hätte mich nicht gewundert, wenn das Kind nach anderthalb Stunden unentwegter Abgaserei einfach wie ein schlaffer Ballon zusammengefallen wäre. Es scheint mir biologisch völlig unmöglich, entweder innerhalb kurzer Zeit derartig viel Gas zu produzieren oder aber diese Menge in einem so kleinen Körper längere Zeit zu speichern, um sie dann gezielt als biologische Waffe zur Vertreibung Mitreisender einzusetzen. Da der Zug extrem voll war, ließen sich Reisende mit Sitzplatz aber nicht allein mit Gestank vertreiben. Dazu mußte erst noch ein älteres schwäbisches Ehepaar einsteigen, das der Luft umgehend die Duftnote Bio-Mortadella hinzufügte. Dabei redete vor allem die Frau unentwegt, meist an ihren Gatten gerichtete Ermahnungen zur körperlichen wie seelischen Erbauung, unterbrochen von regelmäßigen „eiissernichsüüüüßjaaasüüüüüß“ in Richtung meines Schlaf vortäuschenden Hundes. Die nette Frau, die mir gegenüber saß, stand nach etwa 20 Minuten gleichzeitig mit mir auf und wir verbrachten eine wesentliche angenehmere Restfahrt auf dem Flur zwei Wagen weiter.
Angesichts dieser Erfahrung bin ich geradezu dankbar, daß es mich jetzt gleich zu meiner bäuerlichen Verwandtschaft ins Niedersächsische verschlägt und zwar in Gegenden, die nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Der Hund darf natürlich mit, wird den Abend allerdings in Einzelhaft verbringen müssen, nachdem er die nicht ganz lückenlose Nahrungsmittelüberwachung in dieser Woche etwas zu weidlich ausgenutzt hat. Am Montag hat er eigenständig den Frühstückstisch abgeräumt und dabei zuerst die Leberpastete und dann den Hirschschinken vernichtet. Donnerstag hat er mein Mittagessen schon morgens um acht vertilgt und gerade eben hat er es tatsächlich gewagt, das mitzubringende Essen mehr als nur anzutasten. Hätte nicht ausgerechnet meine Mutter selbst ihre Aufsichtspflichten vernachlässigt, der Hund und ich wären längst Geschichte.
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