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2006-08-20 - 23:17 - Der Besamungswart als Rucksackhengst

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Meine letzten Wochenenden hätten unterschiedlicher kaum sein können. Erst zum Christopher Street Day, einem der alljährlichen Partyhöhepunkte in jedem schwulen Kalender, am Wochenende darauf dann in die tiefste niedersächsische Provinz zum 40. Hochzeitstag meines Onkels und meiner Tante und jetzt schließlich ein faules Wochenende in diversen Hamburger Cafés mit reichlich Lektüre im Gepäck. Da standen sich auf den ersten Blick nicht nur recht unterschiedliche Lebensentwürfe, sondern ganze Welten unversöhnlich gegenüber. Auf den zweiten Blick aber lassen sich durchaus Parallelen entdecken und bekanntlich kommt sowieso alles immer anders als man denkt.

Der CSD war nämlich nicht halb so unterhaltsam wie erhofft (vermutlich lag das nur daran, daß ich trotz verzweifelter Suche Eric nirgendwo finden konnte und Marc entschuldigt fehlte). Vielleicht brauche ich mal eine Pause, damit mir nicht alles immer so furchtbar bekannt vorkommt und ich mich nicht ganz so alt und abgeklärt fühle, vielleicht war die Parade zum Hamburger CSD in diesem Jahr aber auch wirklich ein wenig kürzer, eintöniger, weniger überraschend als sonst. Auf jeden Fall war mir der CSD dieses Mal entschieden zu unpolitisch für eine politische Demonstration. Ja, man sollte jede Gelegenheit zum Feiern nutzen und die wenigsten Großstadtbewohner mit nicht ganz heteromainstreamkonformen Liebespräferenzen fühlen sich heute noch diskriminiert, aber das bedeutet nicht, dass man politisch schon alles erreicht hat, was man sich einst auf die offensichtlich eingemotteten Demo-Plakate geschrieben hatte.

Die eingetragene Partnerschaft sorgt dafür, dass die Partner wie Ehepartner für einander aufkommen müssen, verwehrt aber dennoch dieselben steuerlichen Erleichterungen. Von der kniffligen Adoptionsfrage ganz zu schweigen. Ich hätte aber vor allem ein klitzekleines bisschen Solidarität mit den Homosexuellen in Osteuropa erwartet, die bei Paraden in Rumänien, Lettland oder Estland mit Steinen beworfen und verprügelt werden. Man muß es ja nicht Volker Beck gleich tun, aber das eine oder andere Plakat hätte gern die Aufmerksamkeit von den nackten Hintern auf dieses Thema lenken dürfen.

Nackte Hintern gab es bei meiner bäuerlichen Verwandtschaft natürlich nicht (ich sage das nur, um Mißverständnisse zu vermeiden, man verrutscht beim Lesen ja so leicht mal in der Zeile und seit hier neben der halben Belegschaft auch die halbe Verwandtschaft und etliche Kollegen meiner Eltern mitlesen, bin ich lieber etwas vorsichtiger, nicht daß es irgendwann heißt, ich hätte behauptet, die da auf dem Land hätten lockere Sitten und ... Ihr wißt schon). Also keine nackten Hintern, aber jede Menge politischer Diskussionen, wenngleich eher agrarpolitischer Natur und unterhaltsamer und bunter als der CSD war es irgendwie auch. Vor allem aber war das ein sehr lehrreicher Abend. Zunächst für den vollständig verstädterten Leichtmatrosen, dem mein Pferdezüchteronkel den wertvollen Beruf des Besamungswartes näherbrachte. Im Volksmund wird der Besamungswart meist „Rucksackhengst“ genannt, weil er anders als beim Natursprung in der Vollblutzucht das edle Eiweiß nebst Genmaterial ersatzweise zur Stute trägt. Trotz (oder dank?) anschaulicher Schilderung mochte sich der Leichtmatrose eine Zukunft als Aushilfshengst aber nicht so recht vorstellen.

Später lernte ich dann, daß Käuze das tiefe Atmen eines schlafenden Menschen täuschend echt nachahmen können. Als ich auf dem Weg von der Scheune, wo gefeiert wurde, quer über den Hof Richtung Toilette lief, hörte ich am alten Schweinestall tiefes, gleichmäßiges Atmen. Ich hatte den nicht eben nüchternen Nachbarn im Verdacht, der leicht schwankend in genau jener Richtung verschwunden war, nachdem ich sein freundliches Angebot abgelehnt hatte, mir die horizontalen Qualitäten der Einheimischen höchstpersönlich zu demonstrieren. Die Inspektion des Geländes brachte aber weder Mensch noch Vieh zutage und meine Cousine klärte mich schließlich über die Käuze auf wie auch über die Tatsache, daß die Sitten auf dem Dorf sehr wohl recht locker seien, zumindest auf dem alljährlichen Feuerwehrfest, das weit über die Ortsgrenzen hinaus als für seine Lasterhaftigkeit berüchtigt ist. Ich bin natürlich auch sehr herzlich eingeladen für den 2.9., werde aber wohl dankend verzichten, denn derartige Ausschweifungen am Wochenende vertrage ich nicht mehr, seit ich Montags morgens geistig präsent an einem festen Arbeitsplatz erwartet werde.

Deshalb habe ich mich an diesem Wochenende auch ausschließlich der Erholung und dem Müßiggang gewidmet. Ausgiebiges Frühstück am Samstag morgen mit den besten Bagels der Stadt im Bagel Park, dann ungefähr 200 Meter bis zum Comicladen und noch mal ungefähr 100 Meter Fußweg bis zum nächsten Café, wo die Bank vor der Tür so einladend von der Sonne beschienen wurde. Sonntag morgen sehr, sehr ausgiebiges Frühstück, das ohne Ortswechsel nahtlos in Kaffee und Kuchen überging mit sehr, sehr netten Menschen in meinem alten zweiten Wohnzimmer, dem Café Gnosa, bloß um am späten Nachmittag mit dem Rest der Sonntagszeitung wieder ins Bett zu fallen. Für den Zug um 6:40 Uhr von Hamburg nach Essen hat sich interessante Begleitung angesagt und auch die Termine im Laufe des Tages versprechen abwechslungsreich zu werden. Ich glaube, daran könnte ich mich glatt gewöhnen.

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