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2006-10-23 - 23:41 - Wenn es Nacht wird bei den Medien

Ich hab sie überstanden, meine ersten „offiziellen“ Medientage in München mit allem Drum und Dran. Also auch mit Eintrittskarte zum heiligen Gral, der langen Nacht der Medien im alten Justizpalast. Eine höchst sonderbare Veranstaltung, die ihrem Ruf trotz Champagner- und Schokoladenbrunnen nicht wirklich gerecht wird. Oh ja, der Justizpalast ist atemberaubend und ich habe mich gut amüsiert, doch letzteres habe ich einigen wenigen besonders interessanten Gesprächspartnern, nicht aber der allgemein mitreißenden Stimmung zu verdanken (daher an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an diverse große Verlagshäuser, die mir ihre charmantesten Mitarbeiter für den Abend „geliehen“ haben).

Und ohne Herrn Knüwer, den denkbar besten Sparringspartner im Austausch von Gehässigkeiten, wäre ich vermutlich schon sehr bald wieder geflohen. Spätestens beim Anblick der jungen Dame, die zum zerfetzten Jeansrock und Leopardenmuster-Spaghettiträgertop goldglitzernde Leggings und knallrote Chucks trug. Vermutlich aber schon viel eher, als ich plötzlich einer Horde extrem untergewichtiger Blondinen gegenüber stand, die überhaupt nur an prominenter Stelle (Kunst-)Fleisch auf den zarten Rippenbögen zu dulden schienen und die Vorzüge ihrer gelegentlich fast cartoonhaften Körper gern durch semi-transparente Kleidung, erschreckend viel Glitzer und permanent geöffnete Schmollmünder unterstrichen. Eine derartige Häufung von krankhaftem Untergewicht außerhalb geschlossener Anstalten oder afrikanischer Dürregebiete kannte ich sonst nur aus Anwaltskanzleien, wo mit dem Anstieg von Status und Gehalt das Gewicht gerne in den freien Fall übergeht. Nur käme keine Anwältin außerhalb eines schweißtreibenden Albtraums auf die Idee, ihre Wohnung in Alsternähe mit güldenen Glitzerleggings an den dünngejoggten Beinen zu verlassen.

Herr Knüwer erläuterte mir freundlicherweise, daß seine Geschichten aus der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt keineswegs seiner Phantasie entsprungen sind, sondern ich mich dem leibhaftigen Vorbild für AnjaTanja gegenübersah. In meiner jugendlichen Naivität hatte ich nämlich erwartet, auf einer Mediennacht überwiegend Journalistinnen anzutreffen. Die waren aber deutlich in der Minderheit und fielen dank sehr dezenter Kleidung auch kaum auf – was man von ihren PR-Gegenparts nun wirklich nicht behaupten konnte. Vollends mit der optischen Herausforderung versöhnt hatte ich mich, als eine freundliche Servicekraft uns zu unserem Geläster auf den Treppenstufen auch noch Popcorn reichte. Perfekt, da gehe ich im nächsten Jahr doch gerne wieder hin.

Mediennacht.jpg

Aber ich habe natürlich auch noch ganz andere Dinge gelernt. Von Herrn Grabner z.B., Diskutant beim Printgipfel, bei dem insgesamt recht wenig über Print, dafür um so mehr übers Internet geredet wurde, daß Verlage keine Printhäuser, sondern „Verwalter von Marken“ sind, die sich „nicht von ungeprüften Zukunftsgurus kirre machen lassen sollten“. Das hat man bei den Medientagen sogleich beherzigt und die Teilnehmer des Zukunftsgipfels (allesamt höchst amtlich geprüfte Gurus) am nächsten Tag gebeten, ihre Kristallkugeln zuhause zu lassen und statt dessen lieber selig über vergangene Heldentaten zu reminiszieren.

Die Zukunft, keine schöne übrigens, lag eher in den Händen jener adretten Hostessen, die auf Schritt und Tritt die Karten der Teilnehmer scannten. Wozu das gut sein sollte und wer den Finger auf den Daten hatte, konnte mir leider niemand beantworten. Aber gut, dann weiß jetzt eben irgend jemand, wann ich die Treppe hoch und wann ich sie wieder hinuntergelaufen bin. In den Pausen zwischen dem Treppauftreppab habe ich Interviews in Serie gegeben und dabei meist die immergleichen, aber wenigstens intelligent und freundlich formulierten Fragen beantwortet, einmal aber auch fast eine Verzweiflungstat begangen:

„Wie heißen Sie doch gleich?“ – „Borchert. Sind Sie sich sicher, daß Sie mich interviewen wollen?“ – „Ja natürlich. Also ... was genau machen Sie beruflich?“ – „Ähm, ich bin Online Chefredakteurin.“ – „Aha. Das heißt also, Sie schreiben Artikel über Online für die WAZ?“ (Könnte ich eine einzelne Augenbraue hochziehen, würde die jetzt dauerhaft am Haaransatz kleben.) „Nein, das heißt es ganz und gar nicht. Ich mache ... vergeblicher Versuch, meinen Tätigkeitsbereich in Kürze zu umschreiben.“ – „Ach so, davon hab ich mal gelesen. Corporate Blogging und so.“ – “Nein, das ist wieder etwas ganz anderes. Das wäre evtl. der Fall, würde Bodo Hombach selbst bloggen.“ – „Bodo Hombach? Wer ist das denn?“

Die Zukunft scheinen manche Vertreter dieser Zunft ganz eindeutig nicht mehr in der gründlichen Recherche zu sehen.

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