Ich habe mich schon immer gefragt, wer all diese gut versteckten Zusatzfunktionen an Mobiltelefonen wirklich braucht und nutzt. Und damit meine ich nicht Kamera, Videokamera, Emailprogramm, MP3-Player oder den Fernzünder für die Raketenbasis in der Mojave-Wüste. Nein, ich rede hier von Dingen wie dem winzigen Sprachspeicher für 30-sekündige Aufnahmen (letzte Worte in lebensbedrohlichen Situationen mitten im Funkloch?) oder auch den Taschenrechner. Zumindest stand ich in mittlerweile zehn Jahren mit Handy noch nie auf der Straße und dachte „man gut, daß ich jetzt mein supertolles Handy mit der überlebensnotwendigen Taschenrechnerfunktion in meinem imitierten Prada-Täschchen habe“.
Doch seit Samstag weiß ich, für welche Personengruppe Handyproduzenten weiterhin diese Taschenrechner mit Minimalfunktion einbauen: für Aushilfskellner. Zumindest hoffe ich, daß der mitteljunge Mann, der uns am Samstag beim sehr guten Portugiesen bediente, tatsächlich nur eine des Lesens und der Grundrechenarten nicht mächtige Aushilfskraft war. Ansonsten sehe ich schwarz für das wirtschaftliche Überleben des Ladens.
Zugegeben, wir waren zehn Gäste mit reichlich Appetit und sehr unterschiedlichen Getränkewünschen, die dann auch noch in diversen Kleingruppen zahlen wollten. Aber das dürfte Servicekräfte nicht überfordern. Hätte es jedoch beinahe, wenn dem Mann nicht in letzter Minute noch der Rettungsanker Handy eingefallen wäre (dessen Display übrigens ihn selbst in schönster Machopose zeigte). Er tippte also hektisch auf seinem Handy herum, bis er endlich die Rechen-Funktion gefunden hatte und fuhr dann mit dem Finger aggressionssteigernd langsam die Rechnung entlang, übersah dabei häufiger den gewünschten Posten und fing dann wieder ganz oben an. Derweil konnte man bequem an seinen Lippen ablesen, welches Gericht er gerade buchstabierte.
Schließlich tippte er die gefundene Summe in den Handyrechner, vertippte sich, fing wieder von vorne an, addierte die erste Summe, dann die zweite, vertippte sich wieder, fing wieder ... bei den Gästen machte sich je nach charakterlicher Grundverfassung Verzweiflung oder Postpudding-Schläfrigkeit breit. Man war versucht, ihm die schwere Aufgabe abzunehmen, wollte aber zunächst auch nicht unhöflich wirken. Irgendwann siegte dann die gehässige Natur des Menschen über die Hilfsbereitschaft und man verfolgte das Getippe verstohlen grinsend. Gegen Ende der Veranstaltung aber, als man aus verschiedenen Einzelposten längst ein kompliziertes Sudoku auf die Serviette gemalt hatte, wünschte man sich von Nokia einen ultraschnellen Taschenrechner, der ganz nebenbei in einer versteckten Funktion auch telefonieren und Selbstportraits als Taschenrechnerhintergrundbild darstellen kann. Wir hätten zusammengelegt und dem Mann so einen nachträglich zu Weihnachten geschenkt. Plus Gutschein zur Berufsberatung.
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