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2007-01-04 - 23:35 - Wattenschilda

Ich lebe seit Monaten immer irgendwie „dazwischen“. Die meiste Zeit verbringe ich im Büro, die meisten Nächte in Wattenscheid, wo auch der Großteil meiner Kleidung auf einer improvisierten Kleiderstange hängt. Meine Bücher und die meisten meiner Freunde sind jedoch in Hamburg, meinem bevorzugten Wochenendaufenthaltsort. Und als wäre das noch nicht genug, mußte ich jetzt feststellen, daß mein Wohnort offensichtlich über Nacht in Wattenschilda umgetauft wurde.

Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man das heitere Treiben vor der Haustür meiner Eltern verfolgt, genauer gesagt vor der Einfahrt zum elterlichen Bauernhof. Der Hof liegt nämlich seit diversen städteplanerischen Maßnahmen vor etlichen Jahren an einer Kreuzung. Einer, wie ich finde, recht übersichtlichen Kreuzung mit verhältnismäßig wenig Verkehr. Leider sehen das viele Autofahrer regelmäßig anders und rauschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ineinander. Und zwar nicht mit ein bißchen Anstoßen, Blechschaden und Geschimpfe, sondern mit sehr viel Krach und ziemlich kaputten Autos, die schließlich wie fette metallene Käfer hilflos auf dem Rücken liegen und ihre menschliche Fracht achtlos auf die Straße spucken.

Anstatt auf die Lernfähigkeit von Fahrern zu vertrauen, hat die Stadt lieber vorbeugende Maßnahmen beschlossen und sich für den Bau eines Kreisverkehrs entschieden. Die Dinger sind ja derzeit wieder sehr en vogue und gegenüber Kritikern wird gerne auf eine winzige holländische Stadt verwiesen, die komplett ohne Schilder und Ampeln auskommt und nur mit Hilfe von Kreiseln den Verkehr in die richtige Bahn lenkt. Derart von unseren Nachbarn inspiriert ließ man also eine erstaunlich große Baustelle errichten, staute den Verkehr für geraume Zeit und baute frohgemut einen schönen großen Kreis.

Leider hatte man sich nur den Kreisel selbst, nicht aber die Planung desselben bei den Nachbarn abgeguckt, denn der Kreis erwies sich kurz vor der endgültigen Fertigstellung als zu groß – bzw. die verbliebene Fahrbahn rundherum als viel zu klein. Der zuständige Behördenvertreter, der das Ding vermutlich nach der Univeralformel Pi x Daumen und gänzlich ohne Zuhilfenahme moderner, computergestützter Berechnungen geplant hatte, konnte den Kreis mit seinem kleinen Dienstpolo zwar problemlos umfahren bis ihm schwindelig wurde. Aber schon der erste LKW sah sich gezwungen, entweder quer über den frisch gemauerten Kreis in der Mitte oder resolut in die Randbepflanzung zu fahren. Wie sowohl der Mittelkreis als auch die Seitenlinie nach nur sechs Monaten täglicher Schwertransportbefahrung aussehen würden, dürfte sich jeder ohne große Anstrengung vorstellen können.

Also fuhr der Behördenmensch in seiner kleinen Dienstkutsche wieder heim ins kuschelige Büro und ordnete den Abriß des bereits gemauerten Kreisels sowie die Errichtung einer neuen, deutlich verkleinerten runden Verkehrsblockade an. Über die Kosten mußte er sich dabei ja keine Gedanken machen, dazu hatten die Steuerzahler, die den allabendlichen Baustellenstau nun noch ein wenig länger genießen durften, schließlich mehr als genug Zeit.

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