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2007-01-08 - 23:33 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht

Gesund ins neue Jahr gestartet, bloß um dann gleich richtig krank zu werden. Nachdem ein langes Wochenende im Bett mit viel Fencheltee nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat und mein Taschentuchverbrauch weiterhin kriminelle Ausmaße hat, habe ich mich heute auf Druck von Freunden, Eltern und meiner sonst wesentlich freundlicher dreinblickenden Assistentin zum Arzt geschleppt. Ich warte normalerweise ja lieber, bis die Krankheit ernst ist und den Besuch bei einem Facharzt rechtfertigt, weil Fachärzte im Gegensatz zu Hausärzten wenigstens in der Lage sind, ihre Praxis so zu organisieren, daß die Wartezeit deutlich unter einer Stunde liegt. Bei Hausärzten fängt der Spaß dann erst so richtig an.

Aufgrund des sozialen Drucks also zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zum Hausarzt und siehe da, nur das Datum auf den Ausgaben der Lesezirkelzeitungen hat sich geändert, die Rentnerclique sieht verdächtig bekannt aus. Die Themen sind es auch. Man redet viel und engagiert über die fehlgeschlagene Eingemeindung Wattenscheids, die es wegen der krassen Schlechtbehandlung durch die Bochumer dringend rückgängig zu machen gilt. Sollte doch kein Problem sein, schließlich liegt das Ereignis erst knapp 32 Jahre zurück.

Noch weiter zurück liegt da schon „die gute alte Zeit“, in der Jugendliche noch anständig erzogen wurden und ehrliche Arbeit auch wirklich belohnt wurde. Die zusammengesunkene Dame zu meiner Rechten röchelt mit ihrem verbliebenen Lungenflügel und hustet dann ein „schade nur, daß der Krieg alle guten Ansätze zunichte gemacht hat“ in ihr Taschentuch mit blauer Stickerei. Alle Anwesenden jenseits der 80 seufzen. „Und dann die Verschwendungssucht heute. Denen wünsche ich allen mal die Erfahrung von ´47. Da haben wir altes, trockenes Brot wie feinsten Kuchen genossen“, ergänzt der Asthmatiker mit Beinprothese zu meiner Linken.

Leider kann ich mich nicht genau erinnern, wie die Diskussion von den Hungertagen zu den Bayern gelangte, sicher ist nur eines, Undankbarkeit prägt die heutige Zeit. Im konkreten Fall die Undankbarkeit der arroganten Bergvölker jenseits des Weißwurstäquators. Die nämlich wissen heute gar nicht mehr zu würdigen, daß die Bergleute aus dem Pott damals mit ihrem hart erarbeiteten Geld überhaupt erst so etwas wie eine Touristikindustrie auf der Alm möglich gemacht haben. Ohne den Bergmann keine Almidylle. Und was ist der Dank? Der Service ist schlecht, die Betten zu weich, das Schnitzel zu dünn und bestimmt schummeln die auch bei der Füllhöhe vom Bier. Kann man ja nicht so genau erkennen in diesen grauen Krügen.

Die Dame gegenüber hustet im Duett mit der rechts und fragt dann interessiert: „Haben Sie auch seit Wochen diesen gelblichen Auswurf?“ (Warum habe ich bloß den ipod im Büro gelassen?) Die Männer sind noch beim Alkohol und schimpfen auf den Arzt, der ihnen die letzte Lebensfreude durch striktes Alkoholverbot nehmen will und dann auch noch glaubt, daß sich einer daran hält. Man hat ja sonst nix mehr, denn Schnitzel, egal wie dünn, sind auch verboten. Cholesterin und so. Aber sterben muß man eh und das bringt die Diskussion wieder so richtig auf Touren. Sterben kann sich heute nämlich keiner mehr leisten, weil die Begräbniskosten so hoch sind.

Deshalb geht der Mann mit der Auswurffrau regelmäßig auf Tour, um frühzeitig in Erfahrung zu bringen, wo was wieviel kostet. Er verspricht, nächste Woche die Adresse dieses sensationell günstigen Steinmetzes in Gelsenkirchen mitzubringen, bei dem sie schon seine Oma ihren Grabstein gekauft haben. Und er empfiehlt, heruntergesetzte Blumen kurz vorm Verwelken zu kaufen, weil bei Oma und ihrem Grabstein mehr die Geste als die Optik zählt. Die Dame rechts kommt hinter ihrem bestickten Taschentuch hervor und rät ganz dringend zu einem Grab in der Nähe des Wohnortes. Schließlich stirbt der Mann immer zuerst und als Kavalier will man der gebrechlichen Witwe doch keine langen Touren mehr zumuten. „Sie sind ja noch so jung, das interessiert Sie hier ja alles nicht“, sagt sie in meine Richtung. Dann schielt sie auf meine Hand: „Ach je, Sie müssen ja erst mal einen Mann finden, den Sie dann unter die Erde bringen können.“

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