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2007-02-27 - 23:53 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

Liebe Irmela Schwab,

Sie haben geschafft, was ich kaum noch für möglich gehalten hätte: Ich sitze dank Ihres Rührstücks in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung („Lyssas wilder Westen“) nach einem sehr langen Arbeitstag mitten in der Nacht noch an einem Blogeintrag (im Gegensatz zu dem, was Sie im Artikel schreiben, blogge ich nämlich leider schon seit geraumer Zeit nicht mehr beinahe täglich als „radikal-exhibitionistische Lyssa“).

Das dürfen Sie jetzt aber bitte nicht voreilig als Kompliment werten. Ich sage das nur sicherheitshalber so deutlich, weil Sie sich in dem Interview als erstaunlich ironie- und humorresistent erwiesen oder zumindest ironische Aussagen mit übergroßer Ernsthaftigkeit zitiert haben („Zuweilen überfällt Borchert, ..., nach eigenem Bekunden trotzdem der Drang, sich auf den Fußboden zu werfen, mit den Fäusten um sich zu schlagen und laut zu brüllen.“).
Überhaupt dieses Interview ... Warum, liebe Frau Schwab, rede ich eigentlich gut eine Stunde mit Ihnen, wenn Sie anschließend nicht mal die allereinfachsten Fakten korrekt wiedergeben können? Haben Sie mal die Anschaffung eines Aufnahmegerätes in Erwägung gezogen, wenn schon Notizen und Gedächtnis nicht besonders zuverlässig sind?

Ja, Sie haben recht, es ist eigentlich völlig egal, ob ich nun im Juni oder im April zum ersten Mal mit „aphrodisierten WAZ-Managern“ telefoniert habe, daß mein gebeutelter Freund beruflich mit Unternehmensberatung noch weniger zu tun hat als ich, daß ich erst ab 96 und nicht schon 95 beim Internet Programm gearbeitet habe usw. Aber Sie schreiben hier für die Süddeutsche, eine meiner liebsten Zeitungen, die sich meines Wissens noch nicht vom Qualitätsjournalismus verabschiedet hat und da darf man dann schon etwas Faktentreue erwarten. Vor allem, da diese Zeitung sich schon mal genüßlich über Fehler in der Wikipedia ausläßt.

(Und was haben Sie eigentlich mit dem armen Herrn Argirakos veranstaltet? Bei Gesprächen mit mir zeigt er sich nie so „aphrodisiert“, am Web 2.0 kann es also, anders als von Ihnen vermutet, nicht liegen. Aber vielleicht behagt ihm auch nur mein „strenger Look“ nicht.)

Und wenn Sie schon acht Monate nach allen anderen Medien auf die weltbewegende Tatsache aufmerksam machen („ans Tageslicht gekommen ist ...“), daß ich nicht nur einen Vater habe, sondern dieser sogar ein öffentliches Amt bekleidet, dann verrate ich Ihnen auch gleich noch eine reizende Anekdote aus meiner bewegten Wattenscheider Kindheit: Ich habe nämlich mit 12 Jahren beschlossen, auf gar keinen Fall Politiker werden zu wollen, weil ich diese furchtbaren Homestories so leid war, für die man immer extra aufräumen und sich ordentlich anziehen mußte. Nie hätte ich erwartet, daß mich gut 20 Jahre später eine Büro-Schmonzette der SZ ereilen würde.

Aber wissen Sie, worin der entscheidende Unterschied zwischen damals und heute besteht? Nein? Ich verrate es Ihnen. Der Mann von der BamS hat damals ehrlich gesagt: „Kind, setz dich mal fürs Foto ans Klavier und tu wenigstens so, als würdest du spielen.“ Sie hingegen haben mit keinem Wort darauf hingewiesen, daß wir nur so tun, als würden wir ein ernsthaftes Interview führen.

Aber wahrscheinlich liegt des Rätsels Lösung im Artikel selbst. Wie lassen Sie meinen Vater doch so schön staatsmännisch sagen: „Die Leute machen sich nun einmal das Bild von einem, das ihrer Erwartungshaltung entspricht.“

Es grüßt ganz herzlich aus Wattenscheid (Sie wissen schon, „ganz nah bei Papa“),
Ihre radikal-exhibitionistisch grünteetrinkende Lyssa

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