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2007-06-12 - 08:02 - Kumbayah mit Anfassen

Ich war 14, als ich das erste (und bis zum letzten Donnerstag einzige) Mal zu einem evangelischen Kirchentag fuhr. Meine innige Beziehung zur Kirche hatte seit der Konfirmation und dem damit verbundenen Ende der sonntäglichen Gottesdienstpflichtbesuche deutlich gelitten. Ich fuhr eher aus Reiselust (Frankfurt, große, weite Welt), Abenteuerdrang (Ebbelwoi und unbeaufsichtigte Gruppenübernachtung in einer Schulturnhalle) und der Verbundenheit zu meiner besten Freundin, deren Kirchengruppe zu der Reise geladen hatte.

Ich war 14 und genau zwei Tage lang leicht zu beeindrucken. All die Menschen mit dem beseelten Gesichtsausdruck und einem fröhlichen Kumbayah auf den Lippen mussten doch irgendwas wissen / können / haben, was mir bislang verborgen geblieben war (wir erinnern uns dunkel, ich las mit 14 bevorzugt Rilke und gab mich meiner Schwermut sowie dem in den 80ern üblichen Erdbeerteerausch hin). Also stürzte ich mich kompromisslos in das Meer aus orange- und lilafarbenen Mottoschals, ließ mich von der Begeisterung der Massen angesteckt von Bibelarbeit zu Bibelarbeit tragen und kam höchstens mal kurz bei einem peruanischen Panflötenkonzert oder bei der ökologisch korrekten Gemeinschaftsspeisung zur Ruhe.

Am dritten Tag setzte stressbedingtes Nasenbluten ein, eine der vielen Geißeln meiner schambehafteten Pubertät. Ich blutete mehrmals täglich, bevorzugt zur Unzeit, munter und durchaus thrillertauglich aus beiden Nasenlöchern, was meinen Eifer beim Umarmen meiner neuen Brüder und Schwestern im Geiste deutlich dämpfte. Auch Harfenkonzerte waren gestrichen, seit ich erschöpft auf der Fensterbank eingeschlafen war und dem vor und halb unter mir Sitzenden im Schlaf sanft tröpfelnd den Nacken befeuchtet hatte. Ich verbrachte statt dessen viel Zeit außerhalb der heiligen Hallen bei weniger beseelten Sanitätern.

Dort hatte ich genügend Freiraum mich zu fragen, was das kollektive Endorphinhoch eigentlich bringen sollte. Wem nützen die oft vehement vorgebrachten, aber vorsichtshalber keinem reality check unterzogenen politischen Forderungen, außer vielleicht dem Wohlgefühl der versammelten Gutdenker? Hat das noch irgendwas mit dem Alltag von Christen oder Gemeinden zu tun? Wie groß ist diese Good-Vibrations-Eso-Industrie im kirchlichen Umfeld? Läßt sich Afrika wirklich gesund tanzen? Und falls ja, muss man unbedingt in Birkenstock tanzen?

Als ich letzten Donnerstag durch die Kölner Messehallen lief, um zu meiner Podiumsdiskussion zu gelangen, wurde ich sofort wieder an damals erinnert. Glücklicherweise ohne Spontanblutung. Ich fühlte mich wie ein schwarzer Fremdkörper inmitten von sehr viel Made-in-India-Orange, garantiert fair gehandeltes Orange natürlich. Die zahllosen „Knuddeln gratis“-Leibchen ließen mich eher an StudiVZ denn an theologische Diskussionen denken. Die politischen Forderungen sind nahezu dieselben geblieben, werden immer noch genauso selbstüberzeugt und realitätsfern vorgetragen, und der Einfluß der Veranstaltung auf den kirchlichen Alltag oder die Politik liegt noch immer nicht im messbaren Bereich.

Die Beziehung zu meiner Kirche ist seit dem Besuch in Frankfurt deutlich besser geworden, am gespannten Verhältnis zum Kirchentag wird sich wohl nichts ändern, solange sich der Kirchentag nicht deutlich ändert. Etwas weniger Kumbayah mit Anfassen, bitte, und etwas mehr ernsthafte Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen anstelle von simplifizierten Forderungen, die der Komplexität unserer Probleme nicht mal im Ansatz gerecht werden. Letzteres ist nämlich ein Privileg von Rockstars.

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